Allgemein, Bayern
Fotos: Michael Watzke
Die Dreiländerhalle in Passau in der Nacht des 26.Oktober 2015 - Zuflucht für 2.000 Migranten. (Fotos: Michael Watzke)
29.01.2016

Von München nach Passau – und zurück

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Heute lag eine Einladung der CSU in der Post: „Wir freuen uns, dass Sie als Bayern-Korrespondent nächste Woche aus der Dreiländerhalle berichten werden.“ Politischer Aschermittwoch in Zeiten der Flüchtlingskrise – ausgerechnet in Passau, dem Zielort der Balkanroute. Ich musste an die Nacht des 26.Oktober 2015 denken – und hatte ein schlechtes Gewissen. Hier ist der Grund.

Damals, vor drei Monaten, verbrachte ich für eine Reportage im Deutschlandfunk 24 Stunden in der Dreiländerhalle. Dort, wo am Aschermittwoch CSU-Chef Horst Seehofer hinter dem Rednerpult stehen und eine Flüchtlings-Obergrenze fordern wird, lagen Ende Oktober 2.000 Menschen auf dem Linoleumboden. Die Stadt Passau hatte die Multifunktionshalle kurzfristig zum Notfall-Quartier für Migranten umgebaut, die aus Syrien, Afghanistan und Nordafrika nach Deutschland strömten. Der 26.Oktober war der Tag mit der höchsten Flüchtlingszahl, die die Bundespolizei jemals an den deutschen Grenzen registriert hat: 11.154, davon allein 9721 in Bayern.

Es war ein beklemmendes Erlebnis – so ganz anders als die Nacht, die ich sechs Wochen zuvor am Hauptbahnhof München erlebt hatte: am 5. September erreichten rund 9.000 Migranten per Sonderzug die bayerische Landeshauptstadt. Hunderte Münchner begrüßten sie überschwänglich mit selbstgebastelten Willkommensschildern und gespendeten Altkleidern. Die Stimmung oszillierte zwischen Herzklopfen, Helferstolz und Happening. In den Gesichtern der Flüchtlinge las ich ungläubiges Staunen, Erleichterung, Dankbarkeit.

Passau war anders: an den Eingängen der riesigen Dreiländerhalle gab es immer wieder Rangeleien. Junge Männer stießen Frauen und Kinder zur Seite. Eine Gruppe von Afghanen lieferte sich mit drei Syrern giftige Wortgefechte, die mir der arabischsprechende Dolmetscher nicht übersetzen konnte oder wollte.  Acht freiwillige Helfer – viel zu wenige – rannten rastlos hin und her, um die Flüchtlinge zu versorgen. Der Umgangston war ruppig. „Das ist kein Hotel“, schnarrte ein Bundespolizist, als ein Tunesier Essen verlangte und das angebotene Wurstbrot wegwarf. Um die einzige Steckdose in der Halle, zu der alle Flüchtlinge mit den Aufladekabeln ihrer Mobiltelefone drängten, entbrannte ein bitterer Streit, den ein Trupp kräftig gebauter Iraker für sich entschied.

In meiner Reportage beschrieb ich die Rangeleien vor der Tür, ich erwähnte die gereizte Stimmung. Den Streit um die Steckdose verschwieg ich. Ich empfand es den frierenden, übermüdeten Flüchtlingen gegenüber als unfair, geradezu voyeuristisch, jede kleine Beobachtung ihrer Not mit meinem Aufnahmegerät oder in Worten festzuhalten. Stattdessen beschrieb ich, wie eine junge Mutter ihr schreiendes Baby in eine Decke hüllte, die ihr eine Helferin reichte. Wohlwissend, dass 80% der Migranten in der Dreiländerhalle in dieser Nacht junge Männer waren.

2000 Handys, aber nur eine Steckdose. Klar, dass es da Streit gibt. Oder?

2.000 Handys, aber nur eine Steckdose. Klar, dass es da Streit gibt. Oder?

Warum beschäftigt mich das bis heute? Weil in dieser Nacht etwas passierte, das mich seitdem nicht loslässt. Irgendwann nach Mitternacht saß ich mit zwei jungen Bundespolizisten aus Jena und Kiel auf einem Tisch vor dem Haupteingang der Halle. Mein Aufnahmegerät hatte ich zur Seite gelegt. „Ihr Presseleute habt ja keine Ahnung, was in den Flüchtlings-Unterkünften alles abgeht!“ raunte der Thüringer Beamte. „Diebstahl, Gewalt, Sexualstraftaten.“ Das werde allerdings häufig nicht verfolgt, noch seltener bestraft und schon gar nicht in Einsatzprotokollen oder gar Presseberichten vermerkt. Wieso nicht, fragte ich? „Weil wir nicht genug Leute dafür haben“, antwortete er. „Und weil es Anweisungen von oben gibt“, mischte sich sein Kollege aus Schleswig-Holstein ein. Ich fragte die beiden Bereitschaftspolizisten, ob sie mir das ins Aufnahmegerät sagen würden. Der Kieler tippte mit der Hand an die Stirn, der Jenaer lachte. Ich sicherte ihnen Anonymität zu. Sie schüttelten den Kopf.

Flüchtlingsfrauen erreichen die Dreiländerhalle. Etwa 80% der Flüchtlinge an diesem Abend waren Männer.

Flüchtlingsfrauen erreichen die Dreiländerhalle. Etwa 80% der Flüchtlinge an diesem Abend waren Männer.

In der restlichen Nacht beobachtete ich die beiden. Sie hatten kurzgeschorene Haare, sprachen barsch und zackig und wirkten, gelinde gesagt, wie das Gegenteil von „Refugees welcome“-Aktivisten. In den folgenden Tagen recherchierte ich bei der Bundespolizei in München und Potsdam, beim Landeskriminalamt München, im bayerischen Innenministerium: gibt es Dienstanweisungen, bei Straftaten wegzuschauen, die Asylbewerber begehen? Gibt es Maulkörbe für Pressebeamte? Erfährt die Öffentlichkeit die ganze Wahrheit? Niemand wollte die Vorwürfe bestätigen – nicht mal im Hintergrundgespräch. Ich überlegte, meiner Redaktion das Thema trotzdem anzubieten – allein auf die Hintergrund-Aussagen der beiden Bundespolizisten gestützt. Aber war das nicht zu dünnes Eis? Wie würde die Redaktion reagieren? Wäre ich bei Kollegen und Zuhörern als „Flüchtlingsgegner“ gebrandmarkt, wenn die Vorwürfe sich nicht bestätigten? Ich entschied mich dagegen und hakte die Sache ab.

Dann kam Köln. Polizei und Politik in NRW hatten das Geschehen auf der Domplatte lange heruntergespielt, sogar geleugnet. Dann kam Kiel: in Schleswig-Holstein stimmten laut „Kieler Nachrichten“  Polizei und Staatsanwaltschaft in einer internen Dienst-Leitlinie ab, bestimmte Delikte von Asylbewerbern nicht zu verfolgen. Ich war verunsichert. Und bin es, ehrlich gesagt, bis heute.

Nicht wegen der absurden „Lügenpresse“-Vorwürfe, die ich hin und wieder in Kommentarspalten oder Hörermails finde. Auch nicht, weil es in deutschen Medien angeblich ein groß angelegtes Schweigekartell gibt, mit dem die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung heimlich abgesichert wird. Das ist Unsinn, wie jeder Journalist mit etwas Berufserfahrung (und jeder Mensch, der guten Willens und klaren Verstandes ist) bestätigen wird.

Dennoch gibt es ein Ungleichgewicht in der Berichterstattung. Ich erlebe es in meiner täglichen Arbeit. Und ich bin selbst mit Schuld daran. Wenn ich als Reporter Flüchtlings-Themen behandle, ist es so viel einfacher, positiv zu berichten: das Beispiel des tüchtigen Asylbewerbers aus Syrien, der seine Lehre erfolgreich absolviert. Die Willkommens-Grundschulklasse, in der ein zehnjähriger Junge aus Afghanistan innerhalb von drei Monaten perfekt deutsch lernt. Es gibt diese Beispiele, ich habe darüber berichtet und tue das weiterhin. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass aus meiner Erfahrung vor Ort in Bayern auf jedes positive Beispiel zehn schwierige Fälle kommen. Manche sind hoffnungslos.

Flüchtlinge, die ihre Ausbildung abbrechen, weil sie schnell mehr Geld verdienen wollen. Fehlbeleger, die seit Jahren keine Wohnung und keine Arbeit finden. Migranten, die überfordert sind, weil sie sich das Leben in Deutschland völlig anders vorgestellt haben. Wer mit Bürgermeisterinnen, Landräten, Handwerksmeistern und Firmeninhaberinnen spricht, hört nicht immer, aber immer häufiger Klagen. Gescheiterte Integrationsbemühungen. Schiefgelaufene Lebenswege. Aber zu wenige Amtsträger sind bereit, darüber nicht nur im Hintergrund, sondern offen zu reden. Deshalb können Journalisten kaum personalisiert über diese Fälle berichten, ohne Persönlichkeitsrechte (und Menschen!) zu verletzen und harsche Gegenreaktionen auszulösen. Ich habe das bei einem kritischen Bericht über ein bayerisches Kloster erlebt, das sich mit der Integration aufgenommener Asylbewerber schwertut. Nach der Ausstrahlung bin nicht nur ich dafür hart kritisiert worden (womit ich umgehen kann), sondern auch mein Gesprächspartner. Ihm wurde Rassismus vorgeworfen. „Ein solch ehrliches Interview werde ich nicht nochmal geben“, war sein Fazit.

Die Konsequenz daraus: immer mehr Mediennutzer haben das Gefühl, dass sich ihre eigenen Erfahrungen nicht mehr mit dem decken, was sie in den Leitmedien täglich lesen, hören, sehen. Sie fühlen sich bevormundet und nicht ernst genommen. Ich rede nicht von Pegida-Hetze und Russen-Propaganda (die gibt es, und beides ist unsäglich). Sondern von einem Problem der deutschen Medien, dem wir uns stellen müssen. Sonst werfen uns immer breitere Schichten der Gesellschaft vor, dass wir nicht mehr ihre Wirklichkeit abbilden, sondern unsere Wunschwelt. Und damit haben sie leider nicht unrecht, wie der Monat Januar  aus meiner Sicht bestätigt: es hat sieben Tage gedauert, bis die Leitmedien über die Neujahrs-Attacken in Köln und anderswo berichteten. Es hat nur sieben Stunden gedauert, bis die Leitmedien den Tod eines Syrers vor dem Berliner LaGeSo als Headline-Nachricht verbreiteten. Der Unterschied: Köln hat tatsächlich stattgefunden. Der Tote vom LaGeSo war erfunden. Für ihn gab es keine einzige zuverlässige Quelle. Nur ein Facebook-Profil. Ich kann mir nicht helfen – es wirkt, als habe ein großer Teil der Medien auf das eine Ereignis geradezu gewartet. Und das andere nicht glauben wollen. Wenn das so ist – dann stimmt was nicht mit uns Medienmenschen.

So wird die Dreiländerhalle Passau am Mittwoch aussehen: Politischer Aschermittwoch der CSU.

So wird die Dreiländerhalle Passau am Aschermittwoch aussehen: Politischer Aschermittwoch der CSU.

Mir ist klar, dass ich nie völlig objektiv sein kann. Wenn ich am Mittwoch vom politischen Aschermittwoch in Bayern berichte, wird sich meine Wirklichkeit nicht hundertprozentig mit der Wirklichkeit anderer Beobachter und Zuschauer decken. Ich kann einer Falschmeldung aufsitzen oder einen tatsächlichen Skandal verpassen. Ich sehe die Welt mit meinen Augen. Aber sind die vielleicht manchmal getrübt? Ich werde mich selbst in Zukunft verschärft beobachten. Vor allem, wenn ich an die Dreiländerhalle und den 26.Oktober 2015 denke.